TradingKey - Volkswagen, Europas größter Automobilhersteller, entwirft seinen aggressivsten Restrukturierungsplan seit fast 90 Jahren. Mehreren Medienberichten zufolge plant Volkswagen, in den kommenden Jahren bis zu 100.000 Mitarbeiter zu entlassen und die Produktion in vier Werken in Deutschland einzustellen, um dem vielfältigen Druck einer schleppenden E-Mobilitätswende, hoher Kosten und einer anhaltend schwachen Nachfrage auf dem europäischen Markt zu begegnen. Zugleich plant der Konzern, die Investitionen in den nächsten fünf Jahren um rund 15 % zu kürzen und auf über 130 Milliarden Euro zu reduzieren.
Darüber hinaus sollen dem Restrukturierungsplan zufolge die Kern-Pkw-Marke VW und das Komponentengeschäft aus der aktuellen Konzernstruktur ausgegliedert werden, um als eigenständige Einheiten zu agieren.
Was die Werksschließungen betrifft, plant Volkswagen mittelfristig die Schließung von drei Standorten in Hannover, Zwickau und Emden sowie eines Audi-Werks in Neckarsulm. In diesen vier Werken soll die Produktion nach dem Auslaufen der aktuellen Fahrzeugmodelle schrittweise eingestellt werden.
Zuvor hatte Volkswagen aufgrund von Kosteneinsparungen und Transformationserfordernissen die Fahrzeugproduktion in der Gläsernen Manufaktur in Dresden bis Ende 2025 offiziell eingestellt. An dem ikonischen Standort, der für sein gläsernes Design bekannt ist, wurde einst die Luxuslimousine Phaeton gefertigt.
Die Reaktion der Kapitalmärkte auf die Nachrichten fiel vergleichsweise verhalten aus. Bis zum Redaktionsschluss verzeichneten die Vorzugsaktien von Volkswagen (VOW3) keine nennenswerte Volatilität.

[Quelle: TradingView]
Die Probleme von Volkswagen sind nicht über Nacht entstanden. Im Geschäftsjahr 2025 brach der Nettogewinn des Volkswagen-Konzerns drastisch ein, da die Absatzzahlen auf dem europäischen Markt weiter schrumpften, während gleichzeitig die für den Übergang zur Elektromobilität erforderlichen massiven F&E-Investitionen die Gewinnmargen drückten. Unterdessen hat sich die Offensive neuer und etablierter Konkurrenten auf dem europäischen Markt, darunter Tesla (TSLA) und BYD, verschärft und den Marktanteil von Volkswagen kontinuierlich geschmälert.
Das tiefere Problem sind Überkapazitäten. Wie das deutsche Manager Magazin berichtet, weisen die vier von Restrukturierung und Schließung betroffenen deutschen Werke dieser Runde eine jährliche Gesamtkapazität von rund 1,3 Millionen Fahrzeugen auf. Die tatsächliche Produktion liegt jedoch bei nur 600.000 bis 650.000 Fahrzeugen, womit die Kapazitätsauslastung dieser Standorte bei unter 50 % liegt. Während die Schließung dieser Werke Volkswagen voraussichtlich dabei helfen wird, bis zu 1 Million Einheiten an weltweiten Überkapazitäten abzubauen, sind Analysten der Ansicht, dass dies ohne eine gründliche Sanierung seiner teuren inländischen Lieferkette immer noch nicht ausreichen wird, um das Problem grundlegend zu lösen.
Oliver Blume, CEO des Volkswagen-Konzerns, hat wiederholt betont, dass das Unternehmen "entschlossene Anpassungen" benötigt, um seine Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Bei einem früheren internen Treffen erklärte er: "Volkswagen muss der Realität ins Auge blicken. Der europäische Automarkt schrumpft, aber unsere Kostenstruktur verharrt in der Vergangenheit."
Der Plan stößt jedoch auf erbitterten Widerstand der IG Metall, Deutschlands größter Gewerkschaft. Die Gewerkschaft hat mit Streiks gedroht und wirft dem Management vor, "die Krise auf die Beschäftigten abzuwälzen". Das Land Niedersachsen hält einen Stimmrechtsanteil von 20 % an Volkswagen und stellt sich in der Regel auf die Seite der Gewerkschaft, was bedeutet, dass das Vorhaben auf Aufsichtsratsebene auf immensen Widerstand stoßen wird.
Die missliche Lage von Volkswagen ist lediglich ein Mikrokosmos der europäischen Automobilindustrie. Automobilhersteller wie BMW, Mercedes-Benz und Stellantis erleben gleichermaßen den schmerzhaften Übergang, der von einer nachlassenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und einem sich verschärfenden Kostendruck geprägt ist. Mercedes-Benz hat sein Budget im Februar dieses Jahres nach einer Halbierung des Gewinns deutlich gestrafft und im Juni eine neue Runde von Tarifverhandlungen eingeleitet, um die Kostensenkungen zu vertiefen. Auch BMW sah sich im Juni nach einer Gewinnwarnung gezwungen, Programme für freiwilliges Ausscheiden und natürliche Fluktuation zu beschleunigen, um die Belegschaft um 5 % zu reduzieren.
Ein Senior Fellow der in Brüssel ansässigen Denkfabrik Bruegel analysierte: „Die europäische Automobilindustrie steht vor einer doppelten Belastung durch den strukturellen Wandel und den externen Wettbewerb. Die Restrukturierung von Volkswagen könnte eine Kettenreaktion in der gesamten europäischen Automobilzulieferkette auslösen, was auch eine existenzielle Krise für Teilezulieferer bedeuten könnte.“
Volkswagens Plan, 100.000 Arbeitsplätze abzubauen, ist ein deutliches Warnsignal für die strukturelle Krise, in der sich die europäische Automobilindustrie befindet. Sollten diese Pläne umgesetzt werden, werden die Auswirkungen weit über die Konzernzentrale in Wolfsburg hinausreichen und sowohl die Beschäftigung in der Produktion als auch das Ökosystem der Lieferkette in ganz Deutschland und in der Tat in ganz Europa beeinträchtigen. Kurzfristig gilt es, dem Ausgang des Konflikts zwischen Gewerkschaften und Management große Aufmerksamkeit zu schenken, wobei die niedersächsische Landesregierung bereits erklärt hat, den Verhandlungsfortschritt genau zu verfolgen. Mittel- bis langfristig wird es darauf ankommen, ob der Übergang der europäischen Automobilindustrie zur Elektrifizierung einen neuen Weg finden kann.