Der Chefökonom für Großchina bei ING Group, Lynn Song, weist darauf hin, dass China sein Wachstumsziel für das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2026 auf 4,5 bis 5,0 Prozent gesenkt hat, nachdem in den vergangenen drei Jahren jeweils ein Ziel von „rund 5 Prozent“ ausgegeben worden war. Damit signalisiere die Regierung eine gewisse Bereitschaft, ein etwas langsameres Wachstum zu akzeptieren, ohne ihre langfristigen wirtschaftlichen Ambitionen aufzugeben. Die fiskalischen Ziele sowie die Vorgaben für den Arbeitsmarkt blieben weitgehend stabil. ING erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit innerhalb der neuen offiziellen Zielspanne.
„Das Wachstumsziel für das Bruttoinlandsprodukt wurde in diesem Jahr auf 4,5 bis 5,0 Prozent gesenkt. Das stellt eine leichte Abschwächung gegenüber dem in den vergangenen drei Jahren formulierten, etwas vageren Ziel von ‚rund 5 Prozent‘ dar. Wie viel Spielraum der Begriff ‚rund 5 Prozent‘ tatsächlich ließ, war umstritten. Die meisten Marktteilnehmer gingen jedoch davon aus, dass dies etwa innerhalb von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten um die Marke von 5 Prozent lag. Mit dem neuen Ziel scheint nun eine gewisse Toleranz für geringeres Wachstum vorhanden zu sein. Das dürfte den politischen Entscheidungsträgern mehr Spielraum geben, stärker auf qualitatives Wachstum zu setzen, das in den vergangenen Jahren zu einer Priorität geworden ist.“
„Gleichzeitig bedeutet die Schwelle von 4,5 Prozent lediglich eine relativ begrenzte Abschwächung. Die langfristigen Wachstumsambitionen Chinas bleiben unverändert. Im Arbeitsbericht der Regierung wird das Ziel bekräftigt, ‚eine solide Grundlage dafür zu schaffen, das Pro-Kopf-BIP bis 2035 im Vergleich zu 2020 zu verdoppeln‘ – ein wichtiges Ziel, das Präsident Xi Jinping bereits früher formuliert hatte.“
„Das niedrigere Wachstumsziel entsprach unseren Erwartungen. Bereits zuvor gab es Hinweise darauf, als mehrere Provinzen ihre eigenen Wachstumsziele ebenfalls nach unten angepasst hatten. Unsere Prognose für das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr liegt bei 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, was innerhalb dieser Zielspanne liegen würde.“
„Unserer Einschätzung nach deutet dies darauf hin, dass Stabilität beim Wachstum zwar weiterhin ein wichtiges Ziel bleibt. Gleichzeitig zeigen das stabile Haushaltsdefizit und die Ziele bei der Anleiheemission eine gewisse Zurückhaltung. Die Regierung vermeidet es damit, zu stark auf zusätzliche Konjunkturprogramme zu setzen, die das Wachstum kurzfristig antreiben könnten, aber zulasten der Qualität des Wachstums gingen. Das könnte einige Beobachter enttäuschen, die auf stärkere fiskalische Impulse gehofft hatten.“
„Was bedeutet das für Chinas Wirtschaft? Die Trends der vergangenen Jahre dürften sich fortsetzen. Dazu gehört ein stärkerer Fokus darauf, in der globalen Lieferkette weiter aufzusteigen und die technologische Eigenständigkeit zu verbessern. Die große Frage bleibt jedoch, wie erfolgreich China dabei sein wird, die Binnennachfrage anzukurbeln. Das Vertrauen im Inland bleibt bislang verhalten und bremst diese Bemühungen weiterhin.“