Die ING-Ökonomen Bert Colijn und Carsten Brzeski sehen das langjährige, exportgetriebene Wachstumsmodell der Eurozone zunehmend unter strukturellem Druck. Höhere Energiekosten, der wachsende Wettbewerb aus China und ein verändertes globales Handelsumfeld höhlen demnach die bisherigen Grundlagen des Modells aus. Die Ökonomen skizzieren vier mögliche Szenarien für das künftige Wachstum und betonen, dass Europas Erfolg vor allem von höherer Produktivität, günstigeren Energiepreisen, tieferen Kapitalmärkten und glaubwürdigen Strukturreformen abhängen dürfte.
„Genau das unterscheidet die heutige Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit von früheren Diskussionen. Während der Krieg im Nahen Osten und die US-Zölle im vergangenen Jahr die Schlagzeilen beherrschten, sind sie nur ein Teil der Geschichte. Die größere Herausforderung besteht darin, dass sich das außenwirtschaftliche Umfeld, auf dem Europas Wachstumsmodell beruhte, grundlegend verändert hat.“
„Um dies zu verdeutlichen, haben wir vier vereinfachte Szenarien für die Eurozone entwickelt, die mit der Erosion ihres bisherigen Wachstumsmodells konfrontiert ist. Die entscheidende Unsicherheit besteht dabei nicht darin, ob Europa künftig stärker von der Binnennachfrage abhängig wird oder weiterhin auf Exporte setzt. Entscheidend ist vielmehr, ob Europa genügend Produktivitätswachstum und neue Wettbewerbsvorteile schaffen kann, um eines dieser beiden Modelle zu tragen.“
„In jedem Fall erfordern beide Wege dieselben klaren, aber auch einschneidenden politischen Entscheidungen, um Produktivitätswachstum, günstigere Energie, tiefere Kapitalmärkte und Reformen zu erreichen, die auch den nationalen politischen Realitäten standhalten. Tatsächlich muss sich Europa nicht im Voraus für ein neues Geschäftsmodell entscheiden. Es muss lediglich seine Hausaufgaben machen und anschließend abwarten, welches Modell sich durchsetzen wird.“
„Europa löst sich bewusst von seiner Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage und entwickelt ein stärkeres binnenwirtschaftliches Wachstumsmodell. Initiativen zur Stärkung der Binnennachfrage durch öffentliche und private Investitionen sind erfolgreich. Ein entschlossenerer Ausbau erneuerbarer Energien und der Kernenergie verringert die Energieabhängigkeit deutlich, während Strukturreformen zusätzliche wirtschaftliche Aktivität freisetzen.“
„Die Exporte verlieren an Dynamik und die Handelsüberschüsse verschwinden, während es Europa nicht gelingt, genügend binnenwirtschaftliche Dynamik zu entwickeln, um dies auszugleichen. Höhere Rohstoffpreise belasten die Kaufkraft, zugleich prägen die Alterung der Bevölkerung und die schwache Produktivität die Entwicklung. Während europäische Exporteure Marktanteile verlieren und die Ausfuhren als wichtigster Wachstumsmotor ausfallen, wird Europas Wachstumsmodell tatsächlich ausgewogener - allerdings handelt es sich um ein Gleichgewicht im Sinne eines Abwärtswettlaufs.“