Steigende Zinsen gelten für viele Anleger inzwischen fast automatisch als Warnsignal für Aktien. Die Logik dahinter ist einfach: Anleihen werden attraktiver, Kredite teurer und Unternehmen müssen mehr für ihre Finanzierung bezahlen. Doch HSBC hält die Lage derzeit für deutlich weniger dramatisch. Nach Einschätzung der Bank sind höhere Zinsen zwar ein Risiko für den Aktienmarkt, aber noch lange kein echtes Problem.
Entscheidend ist aus Sicht von HSBC vor allem die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen. Erst wenn diese dauerhaft über 5 % steigt oder die Schwankungen am Markt deutlich zunehmen, könnte daraus ernsthafter Gegenwind für Aktien entstehen.
„Höhere Zinsen sind ein Risiko, aber Verbraucher und Unternehmen können den Schlag vorerst verkraften“, schrieb Nicole Inui, Leiterin der Aktienstrategie für Amerika bei HSBC.
Bislang ist keiner dieser beiden kritischen Punkte erreicht. Die Bank hält deshalb auch an ihrer Einschätzung fest, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr unverändert lassen wird.
Für Anleger ist das wichtig. Denn die eigentliche Frage lautet derzeit nicht mehr nur, ob die Zinsen hoch sind. Viel wichtiger ist, ob Verbraucher und Unternehmen mit diesem Zinsniveau leben können.
Und genau danach sieht es bisher aus.
Bei den privaten Haushalten zeichnet HSBC allerdings ein zweigeteiltes Bild.
Die Bank spricht von einer K-förmigen Entwicklung. Gemeint ist damit, dass Haushalte mit höheren Einkommen deutlich besser mit den hohen Zinsen zurechtkommen als Haushalte mit niedrigeren Einkommen.
Wohlhabendere Verbraucher profitieren weiterhin von den hohen Aktienkursen. Steigen Aktien und andere Vermögenswerte, wächst das Vermögen vieler Haushalte mit. Dieser sogenannte Vermögenseffekt kann dazu führen, dass Konsumenten trotz hoher Zinsen weiter Geld ausgeben.
Ganz anders sieht die Situation bei Haushalten mit geringerem Einkommen aus.
Sie sind stärker von Krediten mit variablen Zinssätzen abhängig. Dazu gehören vor allem Kreditkartenschulden und Autokredite. Genau dort machen sich höhere Zinsen relativ schnell bemerkbar.
Wer seine Kreditkarte nicht vollständig ausgleicht oder ein Auto über einen variabel verzinsten Kredit finanziert, muss bei höheren Zinsen mehr bezahlen. Das belastet das verfügbare Einkommen unmittelbar.
Die Auswirkungen der Zinsen auf den US-Konsum sind deshalb sehr unterschiedlich verteilt.
Ein wichtiger Puffer bleibt allerdings der Immobilienmarkt.
Hypotheken machen den größten Teil der Verschuldung privater Haushalte aus. In den USA sind diese Kredite jedoch überwiegend langfristig mit festen Zinssätzen abgeschlossen.
Das bedeutet: Viele Hausbesitzer zahlen weiterhin die deutlich niedrigeren Zinsen, zu denen sie ihre Immobilie vor Jahren finanziert haben. Die aktuelle Zinsentwicklung schlägt deshalb nicht sofort auf ihre monatlichen Raten durch.
Das schützt den Konsum zumindest teilweise.
Einen Haken gibt es trotzdem. Der schwache Immobilienmarkt belastet Unternehmen, die stark vom Kauf und Verkauf von Häusern abhängen. Dazu zählen vor allem Händler für Heimwerkerbedarf und Renovierungsprodukte.
Wenn weniger Immobilien verkauft werden, wird häufig auch weniger renoviert. Genau dort hinterlassen die hohen Zinsen inzwischen sichtbare Spuren.
Noch wichtiger für die Börse ist allerdings die Situation der Unternehmen.
Und hier sieht HSBC bislang wenig Grund zur Sorge.
Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA liegt bei den Unternehmen im S&P 500 derzeit bei rund 1,6. Dieser Wert hat sich laut HSBC vergleichsweise stabil entwickelt.
Das ist durchaus bemerkenswert.
Denn gleichzeitig investieren die großen US-Konzerne enorme Summen in künstliche Intelligenz, Rechenzentren und andere Zukunftsprojekte.
Trotz dieser hohen Investitionen sind die Bilanzen bislang nicht aus dem Gleichgewicht geraten.
Auch die Fälligkeit der Schulden spricht gegen einen unmittelbar bevorstehenden Zins-Schock.
Nur 11,2 % der Unternehmensschulden sind kurzfristig.
Viele Unternehmen müssen also nicht plötzlich große Teile ihrer bestehenden Finanzierung zu den aktuell höheren Zinsen erneuern. Sie haben sich ihre Finanzierungskosten über längere Zeiträume gesichert.
Genau das verschafft ihnen Luft.
Solange diese Schulden nicht refinanziert werden müssen, wirken die höheren Zinsen nur schrittweise auf die Unternehmen.
Auch am Kreditmarkt selbst sieht HSBC derzeit keine größeren Warnsignale.
Die sogenannten Credit Spreads befinden sich weiterhin auf historisch niedrigen Niveaus.
Das bedeutet vereinfacht gesagt: Investoren verlangen bislang keine außergewöhnlich hohen Risikoaufschläge, wenn sie Unternehmen Geld leihen.
Wäre die Sorge vor Zahlungsausfällen oder zu hohen Schulden groß, würden diese Aufschläge normalerweise deutlich steigen.
Genau das passiert derzeit nicht.
Besonders interessant ist die Einschätzung von HSBC zur Bewertung des Aktienmarktes.
Normalerweise setzen steigende Anleiherenditen Aktien unter Druck.
Das hat einen einfachen Grund.
Wenn eine vergleichsweise sichere US-Staatsanleihe plötzlich eine deutlich höhere Rendite bietet, werden teuer bewertete Aktien weniger attraktiv. Anleger verlangen dann eine höhere mögliche Rendite für das zusätzliche Risiko.
Vor allem Wachstumsaktien mit hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen reagieren normalerweise empfindlich auf steigende Zinsen.
Doch genau dieser Zusammenhang scheint derzeit schwächer geworden zu sein.
HSBC glaubt, dass die Belastung höherer Anleiherenditen auf die Bewertungsmultiplikatoren durch die starke Gewinnentwicklung der Unternehmen teilweise ausgeglichen wird.
Besonders deutlich zeigt sich das bei Technologieaktien.
Solange die Gewinne schnell genug wachsen, können Unternehmen selbst höhere Bewertungen rechtfertigen. Dann verlieren steigende Zinsen zumindest einen Teil ihres Schreckens.
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt der gesamten Analyse.
Nicht die Höhe der Zinsen allein entscheidet darüber, ob Aktien fallen müssen.
Entscheidend ist, was auf der anderen Seite mit den Unternehmensgewinnen passiert.
Steigen die Gewinne kräftig, kann der Aktienmarkt auch mit höheren Zinsen leben. Brechen die Gewinne dagegen ein, werden dieselben Zinsen sehr schnell zu einem Problem.
Sollten die Zinsen länger auf einem hohen Niveau bleiben, sieht HSBC deshalb nicht automatisch schlechte Zeiten für den gesamten Aktienmarkt.
Die Bank bevorzugt in einem solchen Umfeld allerdings bestimmte Branchen.
Dazu gehören Finanzwerte, Energieunternehmen und Industriekonzerne.
Der Grund liegt auf der Hand.
Diese Bereiche sind teilweise weniger abhängig von sinkenden Bewertungsmultiplikatoren als klassische Wachstumsaktien. Finanzwerte können in bestimmten Bereichen sogar von höheren Zinsen profitieren, während Energie- und Industrieunternehmen stärker an der realen wirtschaftlichen Aktivität hängen.
Damit ergibt sich für Anleger ein deutlich differenzierteres Bild.
Hohe Zinsen sind nicht automatisch schlecht für alle Aktien.
Viel wichtiger ist, welche Unternehmen solide Bilanzen besitzen, ihre Gewinne steigern können und nicht ständig neue Schulden aufnehmen müssen.
Genau dort trennt sich in einem höheren Zinsumfeld zunehmend die Spreu vom Weizen.
HSBC setzt dabei vor allem auf eine entscheidende Marke.
Solange die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nicht nachhaltig über 5 % steigt und gleichzeitig die Volatilität am Markt überschaubar bleibt, sieht die Bank die hohen Zinsen eher als Risiko denn als echten Stolperstein für Aktien.
Für Anleger bedeutet das: Die Zinsen bleiben ein Thema. Panik ist aus Sicht von HSBC aber noch nicht angebracht.
Die Verbraucher halten sich insgesamt erstaunlich gut, die Unternehmensbilanzen wirken stabil und die Gewinne sind stark genug, um einen Teil des Bewertungsdrucks abzufangen.
Erst wenn sich diese Faktoren gleichzeitig verschlechtern oder die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe dauerhaft über 5 % steigt, könnte aus dem derzeitigen Risiko ein ernsthafter Belastungsfaktor für den Aktienmarkt werden.
Risikohinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und dem Finanzjournalismus und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Aktien ist mit Risiken verbunden und kann zum teilweisen oder vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen.